Sonntag, 4. August 2013

Erste Eindrücke aus dem Iran

Die Ankunft im Iran bedeutet einen kleinen Kulturschock. Im positiven Sinne. Es ist anders, als wir erwartet haben. Zum Beispiel sind die Frauen anders gekleidet als angenommen. Im Iran herrscht für Frauen folgender Dresscode: Kopftuch und Manteau (eine Art langärmliger, bis zu den Knie reichender Trenchcoat, der die Figur nicht betonen soll). Das steht so im Gesetz, und wer das Gesetz nicht befolgt, wird bestraft (mit einer Geldbusse oder mit Schlägen (!)). Selbstverständlich tragen alle Frauen ein Kopftuch, ja. Mit Erstaunen stellen wir aber fest, dass der Interpretationsspielraum doch sehr gross ist. Viele Frauen tragen das Kopftuch als modisches Accessoire, nur den Hinterkopf bedeckend. Unter dem Manteau schauen trendige Jeans, Turnschuhe, oder teilweise sogar High Heels hervor. Und viele der wunderschönen Frauen sind stark geschminkt.

Wir sind Exoten hier, ganz klar. Mehr als in Anatolien.
Während in der Türkei die Blicke vor allem auf mich fielen, stehen wir im Iran beide im Fokus der Aufmerksamkeit. Jonas wird von jungen Iranern angesprochen, Jugendliche im Alter von 16, 17 Jahren. Sie wollen mit ihm reden, um ihr englisch zu üben. Mit mir reden sie lieber nicht. Statt sich direkt an mich zu wenden fragen sie den Mann an meiner Seite wie ich heisse, ob ich einen Job habe oder ob ich auch englisch spreche. Vielleicht sind sie zu schüchtern, vielleicht haben sie Angst Jonas könnte eifersüchtig werden. Schwierig zu sagen.

In Tabriz treffen wir uns mit Mehran und Aliye. Zum Kontakt kommt es über drei Ecken: Mehran und Aliye sind Freunde eines Freundes einer Freundin. Ganz  selbstverständlich zeigt uns Mehran die Stadt, er führt uns an Orte, die wir alleine niemals sehen würden. Mehran ist 34 Jahre alt und Fotograf. Er liebt Tabriz. Vor allem liebt er den Bazar, den er wie seine Westentasche kennt. Wir streifen mit ihm durch die verschiedenen Bereiche des riesigen Markts. Am besten gefallen mir die kleinen Läden mit den Perserteppichen. Bis jetzt habe ich mir nichts aus Teppichen gemacht. Aber als wir sehen, wie sie von Hand hergestellt werden, welcher Aufwand betrieben wird, und wie schön sie hier teilweise sind, bin ich wirklich fasziniert. An einem grossen Teppich arbeiten zwei Personen zwei Jahre lang. Die Arbeit ist hart, oft leiden die Teppichknüpfer nach einigen Jahren unter Sehbehinderungen. Die Atmosphäre im Bazar ist einzigartig. Die alten Männer, die darauf warten, dass jemand ein Teppich kauft. Man würde erwarten, dass wir gefundenes Fressen für die Teppichhändler sind. Dem ist nicht so. Die Stimmung ist friedlich, niemand versucht uns etwas zu verkaufen.

Am Abend gehen wir mit Mehran und Aliye essen. Die beiden haben sich über facebook kennengelernt. Was Päärchen in der Schweiz, die sich über das Internet kennengelernt haben, oft nur ungern zugeben, erzählt Mehran voller Stolz. Die Ironie: facebook ist im Iran verboten, die Seite ist offiziell gesperrt. Trotzdem haben die jungen Leute hier einen facebook-Account, VPN sei dank. Seit rund eineinhalb Jahren sind die beiden verheiratet, ein Zusammenleben wäre sonst nicht möglich. Sogar eine gemeinsame Nacht im Hotel ist für unverheiratete Päärchen hier ein Ding der Unmöglichkeit. Aber die Iranerinnen und Iraner sind kreativ. Mehran erklärt uns sie bräuchten keine Hotelzimmer, schließlich hätten sie Zelte. Beliebter Treffpunkt um das andere Geschlecht zu treffen ist übrigens die Strasse. Junge Frauen und Männer lernen sich oft im Auto kennen, beim Herumfahren.

Wir geniessen die zwei Tage mit den beiden sehr. Wir reden viel über den Iran, über Politik, über das System, das die Gesellschaft dermaßen unterdrückt. Mehran und Aliye leben im Privaten wie Jonas und ich, in der Öffentlichkeit leben sie so, wie es der Staat ihnen vorschreibt. Während des Ramadan ist es für die beiden untersagt, tagsüber auf der Strasse auch nur einen Schluck Wasser zu trinken. Also trinken sie zuhause. Wie die meisten Iraner machen die beiden keinen Ramadan. Mehran trinkt gerne mal ein Bier, Aliye ein Glas Wein. Alkohol ist im Iran verboten. Aber auch für diese Begehren finden die Einheimischen Mittel und Wege. Umgekehrt erkennen wir im Gespräch, dass gewisse unserer Regeln von aussen her komisch anmuten, zum Beispiel die Kirchensteuer.

Nach dem Essen ziehen wir los, um einen Tee zu trinken und eine Nargile (Wasserpfeife) zu rauchen. Das Teehaus, in welchem vor allem ältere Männer friedlich an ihrer Nargile ziehen, liegt versteckt im Bazar. Da am nächsten Tag ein Feiertag ist, ist es gut besucht. Als wir um Mitternacht nach Hause wollen, versinken die Strassen im Verkehr. Die gläubigen Muslime besuchen anlässlich des Feiertags, an welchem der Tod eines Imams gedenkt wird, die Moschee oder ihre Verwandten. Es gibt sie also doch, die Menschen den Glauben praktizieren. Aliye schätzt den Anteil in Tabriz auf rund 20%. Aus dem Radio des Taxi weint ein Gläubiger, er weint um den Imam. Aliye muss Lachen. Es ist wirklich etwas sonderbar, das Geweine ist ganz offensichtlich gespielt.

Wir sind erst drei Tage im Iran, und wurden schon einige Male überrascht. Was schon nach der kurzen Zeit offensichtlich ist: Die allermeisten Menschen hassen ihr Regime. Junge Leute erzählen uns, dass ihr Ziel das Ausland ist. Sie träumen von Europa, den USA. Die Leute hier wollen die Religion, die ihnen vom Staat aufgezwungen wird, nicht. Sie wollen Freiheit. Das Schlimmste daran ist: Sie haben wenig Hoffnung, dass sich ihre Lage in der nächsten Zeit verbessern wird. So führen sie ihr Doppelleben, eines zuhause, eines auf der Strasse. Denn die Sittenwächter des Staates lauern überall.

Bei einigen Regeln und Gegebenheiten blutet mein feministisches Herz natürlich. Zum Beispiel sitzen im Bus die Männer vorne, die Frauen hinten. Getrennt durch eine Absperrung. Oder die Geschichte, dass sich Aliye für die Arbeit anders anzieht an als in der Freizeit. Schwarz. Um nicht von ihren männlichen Arbeitskollegen belästigt zu werden. Auch ich muss die geltende Kleiderordnung respektieren, und muss zugeben, es macht keinen Spass, sich wie ein Kartoffelsack zu fühlen. Das Kopftuch ist hierbei das kleinere Übel. Die Kleidervorschriften, welche ich auch als Touristin am eigenen Leibe spüre, sind ja nur der Gipfel des Eisbergs des Systems, in welchem Frauen und Männer ganz offensichtlich unterschiedlich behandelt werden.

Und kulinarisch?
Auch der Ramadan wird hier den Leuten aufgezwungen. Das heisst, dass sämtliche Restaurants tagsüber geschlossen sind. Da die Sonne erst um 9 Uhr untergeht, servieren die Restaurants erst ab dann Essen. Somit besteht unser Mittagesse
Angeboten aus dem Markt oder dem Supermarkt. Wir fiebern dann dem Sonnenuntergang entgegen, bis wir ins Restaurant können. Unser Restaurant-Essen besteht bis jetzt vor allem aus Kebab. Das traditionelle iranische Essen kochen die
Leute vorwiegend zuhause, in den Restaurants gibt es vor allem Kebabs. Mit Mehran und Aliye kamen wir aber in den Genuss von Kufte, eine Art Riesenfrikadelle, die aus Getreide, Fleisch und verschiedenen Gewürzen besteht.














Kommentare:

  1. Danke für deinen Link zu dir. Und den Reisebericht, den ich gerne gelesen habe. Komischerweise wirds in D sehr schnell politisch, wenn es um den Iran geht. Hat man die Grenzen Europas mal für länger verlassen, fallen einem auch SEHR viele systemkritische *Anmerkungen* zur sog. Demokratie ein (etwa Werte wie Freizügigkeit und Konsum für weltverbessernd zu halten, um nur ein Beispiel zu nennen).

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  2. Sehr schöner Bericht und sehr schöne Bilder!
    Da erwacht die Reiselust. =)

    Viele Grüße,
    Sarah =)

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