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Montag, 19. August 2013

Ein Stück Weltgeschichte

In Shiraz erleben wir das erste Mal, das die Taxisuche auch ganz gesittet zu und her gehen kann. Am Busbahnhof angekommen werden wir gebeten, ein Ticket zu lösen, die Preise sind fix. Nichtsdestotrotz widerfährt uns im Taxi eine böse Überraschung. Aus den Boxen dröhnt das Gekrächze von Dieter Bohlen - cherry cherry lady…

Shiraz ist die Stadt des Weins - die gleichnamige Traube hat hier ihren Ursprung. Nach dem edlen Getränk sucht man im Ort jedoch vergeblich. Die Weinpoduktion ist im Iran seit der Revolution verboten. Einige Wenige produzieren den Shiraz noch im Versteckten. Aber es ist offensichtlich, durch das Verbot geht hier ein Kulturgut verloren. Vielleicht war es der Wein, den die bekannten Poeten aus Shiraz - zum Beispiel Hafez oder Sa’di - inspiriert hat?

Obwohl die Stadt Shiraz einige Sehenswürdigkeiten zu bieten hat, nutzen viele Touristen den Ort als Ausgangpunkt für einen Besuch der Persepolis (Stadt der Perser). Die Persepolis war eine Palastanlage der achämenidischen Herrscher. Darius liess die riesige Anlage ca. 515 v. Chr. bauen, seine Nachfolger erweiterten sie. Die  Achämeniden nutzten die Anlage hauptsächlich zur Feier des iranischen Neujahrsfest im März und zu Siegesfeiern nach grossen Feldzügen. Das Reich der Achämeniden war das erste persische Grossreich und erstreckte sich über Gebiete des Iran, Irak, Afghanistan, Usbekistan, Turkmenistan, Türkei, Zypern, Syrien, Libanon, Israel und Ägypten. Das Reich hat zahlreiche kulturelle, wissenschaftliche und wirtschaftliche Errungenschaften hervorgebracht. 332 v. Chr. setzte  Alexander der Grosse die Persepolis in Brand - als Rache für die Zerstörung der Akropolis in Athen. Darauf folgte der Beginn des Untergangs der Achämeniden.

Es ist ein Schauplatz der Weltgeschichte, auf dem wir uns befinden. Meistens erkunden wir die Orte ja auf eigene Faust, was auch bei der Persepolis möglich wäre. Aufgrund der historischen Bedeutung entschliessen wir uns für eine Tour. Es sind nicht so sehr die Überreste, die beeindrucken. Die Grösse der Anlage können wir anhand der ausgegrabenen Überbleibsel nur erahnen. Vielmehr sind es die kleinen Geschichten rund um die achämenidische Königsfamilie, die mich in ihren Bann ziehen. Der riesige Palast zum Beispiel war nur Darius und seinen engsten Bediensteten vorbehalten. Nicht einmal seine Frau durfte ihn betreten. Ich frage mich, was macht ein König alleine mit ein paar Dienern in einem solch überdimensionierten Palast? Neben Persepolis besuchen wir noch die Felsgräber Nashq-e Rostam (Nekropolis) und die Überreste der ehemaligen achämenidischen Siedlung Pasargad.

Wir sind eine amüsante Gruppe, und sitzen abends noch lange zusammen. Hier lernen wir auch Oz kennen, mit dem wir die folgenden Tage unterwegs sind. Oz ist aus La-Chaux-de-Fonds und hat türkische Eltern. Wenn wir zu dritt unterwegs sind, meinen die Iraner, er sei einer von Ihnen der die Touristen herumführt.

Shiraz ist unsere letzte Station im Iran. Wir nehmen es gemütlich: kaufen auf dem Bazar Safran ein, bereiten die Weiterreise vor und lassen die Zeit im Iran nochmals Revue passieren.

Und kulinarisch?
Drei Wochen lang hat uns der iranische Kebab - oder Kabab begleitet. Nun ist es einmal an der Zeit, ein bisschen genauer darauf einzugehen. Ein Ode an das Kebab sozusagen. Kebab ist die Bezeichnung für Fleisch. Meist wird es am Spiess gegrillt. Die Variationen sind gross: Lamm, Poulet, Rind - eigentlich alles außer Schwein. In Filetstücken oder als Hackfleisch verarbeitet… Die Beilagen - oder besser gesagt die Beilage ist dagegen weit weniger vielseitig: Allermeistens wird Reis dazu serviert.

Auberginen spielen in der iranischen Küche eine wichtige Rolle. Besonders gut schmeckt mir Mirzaghazemi - ein leicht scharfes Auberginenpürée mit Tomaten, Knoblauch und Gewürzen.

An unserem letzten Abend kommen wir in den Genuss einer Iranischen Geburtstagstorte. In einem Restaurant feiert eine Iranerin ihren 28. Geburtstag, und tritt uns ein Stück ab. Sie schmeckt ein bisschen anders als “unsere” Schwarzwäldertorte, aber gut.


Ein Blick zurück...

Die drei Wochen sind wie im Flug vergangen. Ich habe versucht, ohne allzu grosse Vorstellungen in das Land einzureisen. Denn ich ahnte, es wird anders sein. Natürlich hat man trotzdem irgendwelche Bilder im Kopf. Und ja, das Land ist anders, als die Vorstellungen die ich vor der Reise hatte. Was hier abgeht ist nicht leicht zu beschreiben, man sollte es mit eigenen Augen sehen.

Als wir zuhause den Leuten erzählt haben, dass wir in den Iran gehen, sind wir oft auf skeptische Reaktionen gestoßen. Von “was wollt ihr dort?” über “ist das nicht gefährlich?” bis zu “seid ihr verrückt?” haben wir alles gehört. Und dies auch von Menschen, die sich als weltoffen bezeichnen würden.

Gefährlich ist es nicht. Wirklich nicht. Wir haben uns kein einziges Mal unwohl oder unsicher gefühlt. Im Gegenteil. Die Menschen sind sehr sehr hilfsbereit. Wenn sie sehen dass Touristen etwas verloren dastehen, bieten sie ihre Hilfe an. Immer wieder offerieren uns Einheimische Essen, zum Beispiel im Bus oder im Park Eine Gefahr gibt es im Iran allerdings: der Verkehr. Der kann schon mal lebensgefährlich sein. Auf der Strasse drängeln Autos, Motorräder und Mofas aneinander vorbei, jede Strassenüberquerung wird zum Spiessrutenlauf. Verkehrsregeln scheinen nicht zu existieren.

Im Iran treffen Moderne und Tradition knallhart aufeinander. Viele junge Iranerinnen und Iraner leben einen westlichen Lifestyle, haben die Menschen in Europa und den USA zum Vorbild. Sie sind überaus neugierig gegenüber Ausländern. Als Frau werde ich oft von jungen iranischen Frauen regelrecht angestarrt. Aus Bewunderung. Das schmeichelt mir natürlich ein wenig. Schenkt man den Frauen dann ein Lächeln, lächeln sie entweder zurück oder schauen verlegen weg. Aber auch die jungen Männer und Knaben sind neugierig. Oft rufen sie “hello Mister”, “how are you”, “welcome to Iran”. Alles was diese jungen Menschen wollen, ist ein Leben führen wie wir es tun.

Demgegenüber steht der traditionelle Lebensstil. Männer die sich in der Moschee treffen, Frauen im Tschador, kurz, Menschen für die der Glaube eine zentrale Rolle in ihrem Leben spielt. Inwiefern oder ob überhaupt sie unter dem Regime leiden (abgesehen von den ökonomischen Schwierigkeiten durch das Embargo) ist schwierig zu sagen.

Die ökonomischen Schwierigkeiten: Ahmadinejad hat mit seiner aggressiven Politik das Land ins wirtschaftliche Abseits befördert. Die internationalen Sanktion begünstigen die Inflation, die über 40 Prozent beträgt und möglicherweise die höchste der Welt ist. Das Wachstum ist negativ, es fehlt an Jobs. Die Leute klagen, dass alles immer teurer wird. Vieles, was früher selbstverständlich war, können sie sich heute nicht mehr leisten.

Sehr sehr traurig finde ich, dass eine grosse Mehrheit der jungen modernen Perserinnen und Perser nur ein Ziel hat: ins Ausland zu gehen. Viele würden lieber heute als morgen den Iran Richtung Westen verlassen. Oft hören wir das Wort “Freiheit”. Ein Grundbedürfnis jedes Menschen, dass das iranische Regime stark einschränkt.

Umso wichtiger ist für die Iranerinnen und Iraner, dass die Leute im Westen gut von ihnen denken. Sie sind es leid, vom Westen als Achse des Bösen wahrgenommen zu werden. Immer wieder fragen sie uns, was wir von ihnen halten. Das Aussenbild ist ihnen ausserordentlich wichtig. Hierzu ist jedoch auch zu sagen, dass die Iraner denken, das Bild von Ihnen sei im Westen schlechter als es ist. Einige Male hören wir, bei uns denken wohl alle, sämtliche Iraner seien Terroristen. 

Freiheit - die ist stark eingeschränkt im Iran. Wir merken das an kleinen Dingen: Webseiten, die nicht funktionieren, Bücher, die wir nicht herunterladen können, unsere Kleidung, die wir anpassen müssen. So erhalten wir nur eine Ahnung davon, wie geplagt die Iranerinnen und Iraner sind. Vor allem die Iranerinnen. Mittelalterliche Gesetze schränken die Rechte der Frauen stark ein. Will eine Frau heiraten, benötigt sie die Unterschrift ihres Vaters. Frauen ist es untersagt, zu Fussballspielen zu gehen. Frauen werden von gewissen Studiengängen ausgeschlossen, mit der Begründung, es gäbe zu wenig Jobs. Die Liste ließe sich endlos fortführen.

Das Fatale an der Situation ist: Die Menschen haben keine Hoffnung, dass sich ihre Situation in naher Zukunft verbessern wird. Die jeweiligen Präsidenten sind nur Marionetten Khameneis. Erst ein Abdanken seinerseits würde nach der Meinung vieler Einheimischer Möglichkeiten eröffnen. Kritische Stimmen fürchten aber die Übernahme durch dessen Sohn, was wohl noch schlimmer wäre. So denken nicht wenige, dass eine erneute Revolution notwendig wäre, um das Regime auszuwechseln. Einige meinen sogar, dass eine Intervention der USA - sprich Krieg - die Lösung wäre.

Sosehr die Menschen ihre Regierung und deren politische Ausrichtung hassen, so sehr sind sie stolz auf ihre persische Kultur. Die Leute sind stolz auf die glorreiche Geschichte, verehren ihre Dichter und Poeten, reisen viel im eigenen Land. 
Und reisen während dem Ramadan? Ganz ehrlich: ich würde während dem Ramadan nicht mehr in den Iran reisen. Tagsüber ist es mühsam an Essen zu kommen. Die Restaurants bleiben geschlossen. Oft essen wir im Hotelrestaurant oder kaufen etwas und essen es im Hotelzimmer. Das Wetter ist heiß - auch trinken ist tagsüber für Einheimische während des Ramadan untersagt. Als Tourist kann man auf der Strasse trinken - aber wir kommen uns gegenüber den Einheimischen doof vor. Als der Ramadan vorüber ist, ist die Stimmung lockerer. Die Leute picknicken im Park, essen Glacé, sitzen in den Teehäusern.

Die Reise durch den Iran war ein Erlebnis, ein bisschen Abenteuer. Drei Wochen reichen vollkommen aus um die wichtigen Sehenswürdigkeiten zu sehen. Die Art der zu bestaunenden Objekte wiederholt sich ab einem gewissen Zeitpunkt: Moscheen, Bürgerhäuser, Medresen, Paläste, Persische Gärten… Die Landschaft ist nicht sehr vielseitig. So schön und intensiv die Zeit in Persien war, freuen wir uns nach drei Wochen, weiterzuziehen.

Eine Iranreise kann ich aber jedem empfehlen. Obwohl ich hier versucht habe, die Eindrücke auf Papier zu bringen, ist es schwierig, dieses verrückte Land zu beschreiben. Um sich wirklich ein Bild zu machen, muss man Persien selbst erlebt haben.  



Felsgräber der Nekropolis

 

 
Persepolis

 





Shiraz






Mirzaghazemi

 


Kebab (hier Version Chicken)

 


Geburtstagskind (2. von links)



Freitag, 16. August 2013

Wüstensand

Trotz Vorhersage schweisstreibender Temperaturen wagen wir uns nach Yazd. Yazd ist eine schmucke Stadt am Rande der Wüste mit einer sehr langen Geschichte. Durch seine Lage am Handelsweg nach Indien kam dem Ort bereits früh eine wichtige Bedeutung zu. Auch Marco Polo berichtete über die ausgedehnte Seidenproduktion, für die Yazd noch heute bekannt ist.

Wir geniessen es hier, durch die Gassen der Altstadt zu bummeln. Ähnlich wie in Kashan bestehen die Häuser aus Lehm. Die Gassen sind meist verlassen, ab und zu begegnen wir einer Frau im Tschador. Orient, wie er im Bilderbuch steht.

Eine besondere Sehenswürdigkeit in Yazd ist der Tempel der Zarathustrier, Anhänger der Vorläuferreligion des Islam im Iran. Im Tempel brennt das ewige Feuer, der Überlieferung nach seit 470 n. Chr. Während die Zarathustrier in den meisten anderen Regionen des Irans längst konvertiert sind, leben in Yazd und Umgebung noch immer mehrere Tausend von ihnen. Im Mittelpunkt steht heute der Glaube an einen guten, gerechten und allwissenden Gott Ahura Mazda. Ihm wird gedient, indem man gut denkt, gut handelt und gut spricht. Dies könnte ein Grund sein, weshalb die Yazdi im Iran als besonders aufrichtige und verlässliche Menschen gelten.

Rund um Yazd bestehen zahlreiche Qanate, unterirdische Wasserrinnen, die das lebenswichtige Element vom Fusse eines Berges zu Oasendörfer führen. Bereits vor 3000 Jahren wurden die Qanate im Hochland des Irans entwickelt - eine technische Meisterleistung. Um 1950 gab es im Iran noch 50.000 dieser Stollen, die 40 Prozent aller Dörfer des Landes bewässerten. Auch wenn die Zahl der betriebenen Qanate mittlerweile stark zurückgegangen sind, spielen sie in der Wüstenregion rund um Yazd noch eine wichtige Rolle. Das Wassermuseum in Yazd vermittelt einen guten Eindruck in diese kulturlandschaftliche Besonderheit und ist ein Besuch wert.

So nah nutzen auch wir die Gelegenheit, etwas Wüstenluft zu schnuppern. Zusammen mit unserem Guide und dessen Assistenten fahren wir gegen Abend los, um in der Wüste zu campieren. Nachdem wir im Iranischen Hochland bis jetzt jeden Tag sonniges Wetter ohne eine einzige Wolke hatten (und wirklich, wir wären einige Male froh gewesen um ein paar schattenspendende Wölkchen) ziehen genau zum Zeitpunkt, als wir in die Wüste losfahren - unter anderem um Sterne zu gucken - Wolken auf. Ich ahne das schlimmste und verfluche das Wetter (es ist halt alles einfacher, wenn die Sonne scheint). Da uns der Guide eine halbe Stunde zu spät abholt und wir noch den Sonnenuntergang in der Wüste sehen möchten, brettert er mit 160 Stundenkilometer Richtung Bafq. Es ist besser, nicht hinzuschauen, wie er fährt. Da bestaune ich lieber die Oasendörfchen, an denen wir vorbeibrasen. Kleine Siedlungen, umsäumt von Dattelpalmen und Pistazien-Sträuchern. Und auf der Strasse ab und zu mal ein Schild, das vor frei herumlaufenden Kamelen warnt. Am Rande der Wüste angekommen, schwingen wir uns als erstes aufs Kamel, um alibimässig ein bisschen zu reiten. Nach 10 Minuten steigen wir ab, und gehen den Rest auf die Spitze der Düne zu Fuss. Oben angekommen breitet sich die Wüste vor uns aus wie ein Perserteppich - wunderschön. Zu schade, dass wir trotz dem Bleifuss unseres Guides den Sonnenuntergang verpassen.

Zurück im Camp sind wir hungrig und freuen uns auf das Abendessen. Der Bleifuss macht es sich aber sehr einfach. Wir erhalten einen russischen Fertigsalat der vor Mayonnaise trieft und Toastbrot (ungetoastet, versteht sich). Wir bestaunen noch etwas die Sterne (die Wolken kommen und gehen) und gehen dann ein bisschen hungrig schlafen. Das mit dem Schlafen ist aber so eine Sache. Der Boden ist hart - als Unterlage dient ein Perserteppich und eine Wolldecke. Zudem windet es wahnsinnig stark, so dass uns trotz der warmen Temperaturen fröstelt. Trotzdem - der Ausflug und das campieren lohnen sich auf jeden Fall. Barfuss durch den warmen Sand gehen, die Dünen bestaunen, das Gefühl der Einsamkeit - ein schönes Erlebnis.

Auf der Rückfahrt werden wir von der Polizei rausgewunken. Nein, es ist nicht die Verkehrspolizei, sondern die Drogenpolizei, die eine Razzia macht. Auf der Route werden von Afgahnistan Drogen ins Land geschmuggelt. Ab einer gewissen Menge gilt auf Drogenbesitz im Iran die Todesstrafe. Nach einer kurzen Ausweiskontrolle können wir weiterfahren. Anders als der Lkw der dort steht und gerade in 1000 Einzelteile gelegt wird. Bewacht von einem Polizisten mit einer Kalaschnikow. Nicht, dass ich das Gewehr als solches erkannt hätte. Jonas aber ist sichtlich begeistert, eine Waffe die er bis jetzt nur aus Filmen kennt mal in natura zu sehen.

Und kulinarisch?
Yazd ist bekannt für seine Süssspeisen. Sehr süsse Gebäcke - wahlweise mit Mandeln
oder Pistazien und sehr sehr viel Zucker.












Montag, 12. August 2013

Die halbe Welt

Isfahan ist die touristischste aller iranischer Städte. Das hat natürlich seinen Grund. Unter der verschiedenen Herrschaften hatte Isfahan stets eine wichtige Bedeutung. Die Blütezeit erreichte die Stadt aber unter der Herrschaft der Safaviden (1500-1722). Shah Abbas I. verlegte 1598 den Hauptort von Tabriz im Nordwesten nach Isfahan, um vor den ständigen Angriffen der Osmanen gefeit zu sein. Es wurde eine prachtvolle Residenzstadt errichtet, die Zentrum des Reiches war und deren Ruf sich bis ins ferne Europa verbreitete. Ein nicht gerade bescheidenes Sprichwort lässt verlauten: “Isfahan - das ist die halbe Welt”.

Unsere Erwartungen sind dementsprechend hoch. Bevor wir aber überhaupt dazu kommen “die halbe Welt” eingehend zu besichtigen, machen wir einige bizarre Begegnungen.

Kurz nach unserer Ankunft setzen wir uns im Park in die Wiese und wollen unseren Aufenthalt etwas planen. Es dauert keine fünf Minuten, bis wir Gesellschaft haben. Von einem 20-jährigen, der ein bisschen mit uns plaudern möchte Soweit nichts aussergewöhnliches, das passiert ständig. Wir lassen uns auf das Gespräch ein, erfahren dass er die iranischen Frauen äußerst kompliziert und wählerisch findet - ob es wohl daran liegt, dass er bis vor kurzen drei Freundinnen gleichzeitig hatte? Nebenbei erwähnt er, er habe eine Kollegin, ein 10-jähriges Mädchen, das gerne mit den Touristen Englisch spricht, aber zu scheu ist diese anzusprechen. Dann telefoniert er. Fünf Minuten später stehen das Mädchen und ihr Vater auf der Matte. Er hat ihnen gesagt, er hätte Ausländer gefunden. Das Mädchen scheint alles andere als scheu. Wie aus der Pistole geschossen wirft sie uns ihre Fragen an den Kopf. Über uns, über die Schweiz, darüber was wir vom Iran halten. Unsere Irritation beginnt. Die Halbwüchsige hat auch ganz genaue Vorstellungen davon, was sie später werden möchte. Ärztin, nur Ärztin, und auf Augen oder Herz spezialisiert. Aha. Dann will sie wissen, wie wir kommunizieren können, um uns für den Folgetag zu verabreden. Sie will sich mit uns treffen (ob wir das auch wollen scheint keine Rolle zu spielen). Wir sollen ihr unsere Email geben. Verwirrt wie wir sind machen wir das. Ihr Vater erinnert uns dann etwa noch fünf mal daran, dass wir unbedingt die Email checken müssen. Das was hier abgeht ist wohl ehrgeizige Förderung der Eltern. Madame Dreikäsehoch hat nichts mit einem unbeschwerten Kind zu tun, das in den Sommerferien eigentlich Spass haben sollte statt Touristen hinterherzujagen um Englisch zu üben. Als ich 10 war, haben
mich über 30-jährige null interessiert, das waren alte Leute. Als wären der 20jährige Frauenheld, das aufdringliche Mädchen und ihr Vater nicht genug, gesellt sich noch ein anhänglicher ca. 40jähriger Sonderling hinzu. Er beteuert mir, er habe keine Freundin (und ist wohl noch auf der Suche einer solchen). Als ich sage, ich arbeite auf einer öffentlichen Verwaltung, hegt er die Hoffnung, es sei die Botschaft. Von dieser fixen Vorstellung ist er dann kaum mehr abzubringen.

Endlich schaffen wir es, uns von der Gruppe zu lösen. Wir wollen etwas essen gehen. Kaum losmarschiert spricht uns erneut jemand an. Ein 36-jähriger Iraner, der in Polen lebt, und zu Beginn ziemlich witzig ist. Er sei mit einem Freund aus Holland ebenfalls am reisen. Er empfiehlt uns ein vegetarisches Restaurant (da wir in letzter Zeit genug Fleisch gegessen haben, sind wir hierfür sehr empfänglich), in das er dann gleich mitkommt. Die Unterhaltung läuft schleppend, der Typ ist nervös, und als wir mit dem Essen fertig sind, hat er es sehr eilig, wieder loszukommen. Er erzählt uns, er könne für uns Alkohol besorgen wenn wir wollten und so weiter. Ich traue ihm nicht, er wirkt komisch. Zum Schluss regelt er alles mit der Rechnung (die in Farsi daherkommt). So viel haben wir noch nie bezahlt fürs Essen. Klar, es ist ein hippes Restaurant, trotzdem bin ich mir nicht sicher, ob er uns nicht zuviel abgeknöpft hat.

Die merkwürdige Begegnung Nummer drei ereignet sich einen Tag später: Wir treffen auf der Strasse einen älteren Herrn, er beginnt mit uns zu reden. Ein Uni-Professor, der Englisch, Deutsch und Französisch spricht. Ob er uns am Folgetag ein paar Orte zeigen dürfe? Wir willigen ein, schließlich haben wir bis anhin gute Erfahrungen gemacht, als uns Einheimische herumführten. Als wir ihn treffen spazieren wir ein paar Minuten, bis wir auf dem grossen Platz vor dem Bazar ankommen. Wie zufällig trifft er dort einen ehemaligen Studenten, der zu einer der reichsten Familien Isfahans gehört. Sein Vater ist der bedeutendste Teppichhändler der Stadt. Und ehe wir uns versehen sind wir auch schon drin, im Teppichladen. Der Sprössling erklärt uns die verschiedenen Herkünfte der Teppiche und so weiter, inklusive aller Vorzüge eines Teppichkaufs in seinem Laden. Als ich sage, wir hätten absolut keine Absicht einen Teppich zu kaufen gibt er sich verständnisvoll, er wolle ja nur zeigen. Ganz schnell räumt er aber dann die Teppiche wieder zusammen, das Interesse “zu zeigen” ist erloschen.

Auf Sightseeingtour gehen wir natürlich auch noch, in Isfahan. Imposant ist der Meydan-e Imam, das Herz der Stadt. Der Platz ist mit seinen Massen von 524 mal 160 Metern nach den Tiananmen Platz in Peking der Zweitgrösste der Welt. Bis zur Revolution fanden hier internationale Poloturniere statt. Jede der vier Seiten wird von einem hervorstechenden Bauwerk beherrscht. Im Süden die Moschee Masdjed-e Imam (die früher Moschee des Königs hieß und die als schönste Moschee der Safaviden-Zeit gilt), im Norden das Eingangsportal zum Bazar, im Westen die frühere königliche Residenz Ali Qapu und im Osten die Lotfollah-Moschee (deren Besichtigung wir auslassen).

Ein bisschen entfernt vom Platz besichtigen wir den Chehel-Sotun-Palast, der “Palast der 40 Säulen”. Dies ist einer der während der Safaviden-Zeit zahlreich gebauten Gartenpaläste. Im Hauptsaal bestaunen wir die beeindruckenden Wandmalereien, die neben Hof- und Empfangsszenen und auch Schlachtszenen darstellen. Auch beherbergt Isfahan die Masdjed-e Djameh (Freitagsmoschee). Diese wird von Kennern aufgrund ihrer Einflüsse aus verschiedenen Epochen als interessanteste Moschee des Irans gelobt.

Zudem ist die Stadt bekannt für ihre Brücken, die in der alten Flussoase schon immer eine wichtige Rolle spielten. Als wir die Brücke Si-O Se Pol besichtigen ist der Fluss ausgetrocknet, da der Damm aufgrund Wassermangels geschlossen wurde.

Das Hotel, in dem wir nächtigen ist der Knüller. Das Isfahan Traditional Hotel ist ein Traditionelles Hotel, das in einem früheren Bürgerhaus errichtet wurde. Die Zimmer sind frisch renoviert, die Renovationen im Innenhof sind noch im Gange (wahrscheinlich ist deswegen der Preis recht tief). Das Personal ist superfreundlich und hilfsbereit.

Die Erwartungen an Isfahan waren hoch. Und wie so oft, wenn die Erwartungen hoch sind, sind wir am Ende ein bisschen enttäuscht. Die Stadt ist sehr touristisch, es fehlt ihr an Charme. Und schlussendlich sind es auch immer die Menschen, die den Eindruck auf einen Ort prägen. Diesbezüglich haben wir im Iran schon weitaus schönere Erlebnisse gehabt. Klar, auf einer Iranreise ist der Ort ein Muss. Aber mein Herz hat Isfahan nicht erobert,

Und kulinarisch?
Endlich haben wir Gelegenheit den vielbesagten Tah-e dig-Reis zu probieren. Dieser Reis ist sehr aufwändig in der Zubereitung, und wird deswegen in Restaurants nur selten serviert. Unsere Variante ist mit Safran und Joghurt zubereitet, mit Poulet gefüllt und mit zerehsk (rote Beeren, die leicht säuerlich schmecken) garniert. Das Beste am Reis: die braune Kruste.











Freitag, 9. August 2013

Angekommen im Orient

Die Busfahrt von Teheran nach Kashan dauert 3 Stunden. In Teheran geht alles ganz schnell. Noch nicht richtig am Busbahnhof angekommen nimmt uns auch schon der Bus mit. Wäre eigentlich ja ganz toll. Hätte ich nicht noch vorgehabt pinkeln zu gehen. Ich trete die Fahrt mit einer proppevollen Blase an. Entgegen meinen Hoffnungen macht der Bus keinen Halt. Irgendwie überstehe ich die Fahrt ohne mir in die Hosen zu machen.

Kashan gehört zu den am längsten besiedelten Orten im iranischen Hochland. Ich bin begeistert vom 250’000-Seelen-Ort. So habe ich ihn mir vorgestellt, den Orient. Häuser gebaut aus einer Lehm- und Strohmischung, verlorene Gässchen, imposante Moscheen und prachtvolle alte Bürgerhäuser. Wäre da nicht der Verkehr, könnte man glatt meinen, man sei 500 Jahre zurückversetzt. Auch das Outfit der Frauen ist hier traditioneller als in Teheran. Die meisten Frauen tragen einen Tschador, also ein (meist schwarzes) Tuch, das als Umhang - Kopf und Körper bedeckend - getragen wird. Ich weiss nicht wie diese Frauen das machen. Bei einer Temperatur von 40 Grad habe ich schon mit “normaler“ Kleidung das Gefühl, auszulaufen.

In Kashan gibt es einige architektonische Perlen zu entdecken. Der Bazar stammt größtenteils aus dem 19. Jahrhundert. Hier geht es absolut authentisch zu und her, der Bazar ist nicht auf Touristen ausgerichtet. Eine weitere Sehenswürdigkeit ist die ebenfalls aus dem 19. Jahrhundert stammende Moschee, deren Schönheit in deren Schlichtheit und Symmetrie besteht. Das Ortsbild prägen zahlreiche alte Holztüren, die zwei verschiedene Klöppel haben, einer für Frauen, einer für Männer. Die Klöppel erzeugen unterschiedliche Töne. So wussten also die Bewohner des Hauses, ob eine Frau oder ein Mann klopft, und wer dementsprechend die Tür öffnen sollte.

Besonders beeindruckend sind die Bürgerhäuser. Hunderte davon sollen von Händlern im 19. Jahrhundert errichtet worden sein. Einige davon wurden aufwändig renoviert und können besichtigt werden. Hohe Gebäude, schöne Innenhöfe, Stukkaturen, Spiegel, Reliefs… Man könnte stundenlang staunen. Wären da nicht die natürlichen Bedürfnisse. Schon wieder muss ich pinkeln. Der Aufseher weist uns ungefähr den Weg zu den Toiletten. Männer rechts, Frauen links. Jonas düst rechts weg. Ich sehe zwei italienische Touristinnen vor einem Gebäude stehen. Ich frage sie, ob ihr die Toilette sei. Sie bejahen, warnen mich aber, ich solle überlegen, ob ich da hineingehen möchte. Es ist keine Frage des Willens, sondern des Müssens. So schlimm kann’s ja nicht sein, ich bin mir schon einiges gewohnt. Als ich das Klo sehe, staune ich schon ein wenig. Es ist einfach ein Loch, sprich eine alte Toilette. Aber offensichtlich bin ich nicht die erste, die sich hier entledigt. Als ich Jonas wieder treffe frage ich ihn wie’s bei ihm gewesen sei. Normal, wie immer halt. Aha. Wir finden heraus, dass ich nicht auf der für Besucher vorgesehenen Toilette war, sondern auf der alten, die eigentlich Teil des Museums ist. Mein Teuerster findet das sehr witzig.

Der absolute Höhepunkt Kashans ist das 500jährige Hamam. Das Badehaus war früher während fünf von sieben Tagen für Frauen geöffnet, während zwei Tagen konnten sich die Männer waschen gehen. Die farbigen Kacheln und die Mosaike sind wunderschön. Und keine Angst, ich habe mich hier zurückgehalten und nicht gleich ins Wasser gelegt. Vom Dach des Hamams hat man einen schönen Ausblick auf die Stadt und sieht besonders gut die sogenannten Badgirs, die Windtürme, die im Sommer durch Ventilation der Kühlung der Gebäude dienen.

Als wir abends noch durch den Ort bummeln, werden wir in eine Moschee gerufen, in der etwa 5 ältere Herren versammelt sind (der eine davon ist im Tiefschlaf). Die Männer freuen sich über unseren Besuch, kurzerhand haben wir ein Tablett mit vier Tassen Tee und einem Glas Wasser (für uns zwei) vor der Nase. Ich werde genötigt, alles in der Moschee zu fotografieren, inklusive Koran.

Bevor wir weiter nach Isfahan fahren, machen wir noch einen kurzen Abstecher nach Abyaneh, ein
mindestens 1500 Jahre altes Dorf in den Bergen. Die Fahrt führt vorbei an einer Urananreicherungsanlage, die scharf mit Panzern bewacht wird. Fotos davon gibt’s keine, sorry Leute. Das Dorf selbst ist schnell besichtigt, der Umweg lohnt sich nicht wirklich.

Und kulinarisch?
Shami ist eine Spezialität aus Kashan - es handelt sich hierbei um eine Art Kalbshamburger mit Karotten. Die Mahlzeit ist eine willkommene Abwechslung zu Kebab, kann es mit einem guten Burger aber nicht aufnehmen. Ausserdem ernähren wir uns wieder vermehrt vegetarisch, mit Bademjan: Ein Mousse aus gerösteten Auberginen mit fermentiertem Käse bedeckt.