Dienstag, 6. August 2013

Suche nach Bergromantik und Kampf mit dem Verkehr in Teheran

Bevor wir in die Grossstadt Teheran fahren überzeuge ich Jonas, noch einen Abstecher in die Berge zu machen. Ich möchte das ländliche Iran sehen, und vielleicht etwas wandern, in den Erhebungen des Irans. In meinem Kopf habe ich das Bild wilder Bergromantik. Also fahren wir nach Masuleh. Vor Jahren war eine Freundin von mir dort, der Ort sei friedlich gewesen, und sie die einzigen Touristen. Tönt gut.

Masuleh liegt in der Nähe des kaspischen Meers und ist dank des häufigen Regen umsäumt von grünen Bergwäldern. Der Höhenunterschied im Dorf beträgt etwa 100 Meter, weswegen die Häuser am Hang übereinander gebaut sind. Die Dächer der unteren dienen als Aufgang zu den nächsthöheren. Natürlich beginnt es auch zu regnen als wir vor Ort sind. Zwar entsteht so eine sehr mystische Atmosphäre, wirklich gemütlich ist es aber nicht. Umso weniger, als dass auch unsere Unterkunft zu wünschen übrig lässt. Da ein Bus mit 40 Engländern, die während einem halben Jahr von Grossbritannien nach Australien fahren (wir haben sie bereits in der Türkei angetroffen), ebenfalls Halt im Ort macht, ist das von uns avisierte Hotel voll. Man muss sich das vorstellen, ein halbes Jahr im Bus, mit 40 anderen. Die spinnen, die Briten. Auf jeden Fall müssen wir ausweichen und das Angebot ist begrenzt. Wir mieten ein kleines Studio mit Küche. Die Unterkunft ist jedoch nicht wirklich sauber, frische Laken erhalten wir nur auf Anfrage. Der Zuständige ist ein junger Schönfix (Jonas’ Bezeichnung für geschniegelt), der das Arbeiten wohl nicht erfunden hat.

Aufgrund der widrigen Umstände entschliessen wir uns, nur eine Nacht zu bleiben. Der Ort ist schmuck, aber viel zu unternehmen gibt es nicht. Wenn ich im Regen wandern möchte, werde ich in der Schweiz genügend Gelegenheit dazu haben. Und das mit den wenigen Touristen, das war wahrscheinlich mal. Abgesehen von den 40 Engländern (die für den Jahresumsatz der Frittenbude sorgen) nächtigen im Ort zahlreiche iranische Touristen. Wir verbringen den Abend mit Tee trinken. Zur Feier des 1. August genehmigen wir uns eine Wasserpfeife. Bergromantik im iranischen Stil.

So machen wir uns bereits am nächsten Tag auf den Weg in die Hauptstadt. Entgegen allen Empfehlungen nehmen wir auf Grund des Fahrplans nicht einen VIP-Bus (der nur drei statt vier Sitze in einer Reihe hat) sondern einen “normalen” Bus (der vom Standard her eines etwas älteren Cars in der Schweiz entspricht). Und ich wundere mich, wieso niemand hier den Europäern zutraut, diese Busse zu nehmen, die sind vollkommen in Ordnung.

Teheran hat 15 Millionen Einwohner und liegt zu Füssen des Berges Torchal. Seit 1788 fungiert die Metropole als Hauptstadt des Irans. Wirtschaft, Verkehr, Verwaltung und Kultur des Staates konzentrieren sich hier. Ihre Bedeutung verdankt sie in erster Linie der Lage am alten Handelsweg von Mesopotamien nach Zentralasien. Ist man “nur” an den historischen Sehenswürdigkeiten interessiert, kann man Teheran bei einer Iranreise aussen vor lassen. Wir besuchen die Stadt, um den Puls zu fühlen und uns etwas treiben lassen.

Für ein bisschen Sightseeing verabreden wir uns mit Sadaf, einer Freundin von Aliye aus Tabriz. Sadaf ist 25 Jahre alt und lebt mit ihren Eltern und ihrer Schwester in Teheran. Seit 3 Jahren hat sie einen Freund. Vater und Mutter wissen bis heute nichts davon. Sie fürchtet, ihre Eltern würden durchdrehen. Auf die Frage, was erzählen wird, sollte sie ihren Freund einmal heiraten, weiss sie auch keine Antwort. Sadafs Eltern sind keineswegs extrem konservativ oder gläubige Muslime. Selbst lebten sie ihre Jugendjahre vor der Revolution in Freiheit, mit allem was der damalige Zeitgeist mit sich brachte. Ich frage mich, ob sie sich Sorgen machen, weil eine Beziehung, wie Sadaf sie führt, eigentlich verboten ist. Auf jeden Fall ist Sadaf kein Einzelfall. Unzählige junge Menschen leben heimliche Liebesbeziehungen.

Das Sightseeing macht hungrig. Nach Besichtigung des pulsierenden Tajrish-Platz mit seinem traditionellen und modernen Markt und des Cinema-Museums flüchten wir uns in den Niavaran-Park, um heimlich etwas zu essen. Ramadan.

Am Abend fahren Jonas und ich nach Darband im Norden der Stadt. Darband ist ein beliebtes Ausflugsziel für Teheraner. Zahlreiche Restaurants laden zum flanieren ein. Im Minibus sind wir die Attraktion. Auf die Frage, was wir von der Iraner Regierung halten, antworten wir, dass wir Mitleid mit den Leuten haben. Die Herzen unserer Mitfahrer haben wir so erobert. In Darband angekommen bleiben wir nicht lange allein. Mohamad, ein Iraner der in Budapest studiert, bitten uns, mit ihm und seinen Freunden zu essen.

Ein bisschen Geschichte gönnen wir uns dann doch noch in Teheran. Wir besuchen den Golestan-Palast, der aus mehreren Gebäuden besteht und einst Teil der alten Zitadelle von Teheran war. Der Palast wurde Ende des 17. Jahrhunderts errichtet und war bis zur Revolution 1979 offizieller Sitz des persischen Monarchen. Eine riesiger Garten und prunkvolle (in unseren Augen kitschige) Säle sind hier zu bestaunen.

Am Abend treffen wir uns noch mal mit Sadaf. Wir besuchen den Borj-e Milad, der mit 435 Metern der sechsthöchsten Fernsehturm der Welt und der höchsten Turm des Irans ist. Von oben bietet sich ein toller Ausblick auf die riesige Stadt. Anschliessend bummeln wir etwas auf dem Gelände. Aufgrund des Ramadans finden folkloristische Feierlichkeiten statt und Stände bieten typisch iranische Produkte an. Die Tanzvorführungen werden nur von Männern dargeboten. Im Iran ist öffentliches Tanzen für Frauen verboten.

Obwohl in Teheran die Regierung sitzt, die alles Westliche zu unterbinden sucht, orientieren sich hier die Leute stark am Westen. In den wohlhabenderen Gegenden der Stadt haben circa 80 Prozent der jungen Frauen und auch einige Männer eine operierte Nase. Plastische Chirurgie ist weit verbreitet. Mit einem Nosejob zeigen die jungen Leute, dass sie zu einer bestimmten Gesellschaft gehören und trendy sind. So wird auch das Pflaster nach der OP so lange als möglich stolz getragen. (Zu diesem Thema: http://www.20min.ch/schweiz/news/story/29459600).

Vom Präsidentenwechsel der während unseres Aufenthalts in Teheran stattfindet, spüren wir nichts. Auch hier haben die Menschen wenig Hoffnung, dass Rohani die gewünschte gesellschaftliche Liberalisierung ermöglicht. Aber sie sind froh, Ahmadinejad, oder den “Affen“, wie die Einheimischen ihren neuen Ex-Präsidenten nennen, los zu sein.

Teheran ist auf jeden Fall einen Besuch wert. Zwar habe ich noch nie so viele hässliche Gebäude auf einmal gesehen wie in Teheran, aber der Puls, den die Stadt hat, ist bemerkenswert. Wenn man den Verkehr nicht scheut (eine Strasse zu überqueren ist der Horror), gibt es in der Stadt viel zu entdecken.

Und kulinarisch?
Sadaf empfiehlt uns Dizi zu kosten. Dizi ist ein Eintopf aus Fleisch, Tomaten, Kichererbsen und Kartoffeln. Die Flüssigkeit giesst man in eine Suppenschüssel. Der kräftigen Brühe fügt man Brot bei und isst dies als Suppe. Der Rest wird zu einem Mus zerstampft, und ebenfalls mit Brot gegessen. Ganz ehrlich? Mir schmeckt es nicht. Zu deftig, zu fettig. Jonas scheint’s zu mögen.

Ansonsten sind wir in Teheran fremdgegangen und haben das Angebot internationaler Küche in Anspruch genommen. 













Sonntag, 4. August 2013

Erste Eindrücke aus dem Iran

Die Ankunft im Iran bedeutet einen kleinen Kulturschock. Im positiven Sinne. Es ist anders, als wir erwartet haben. Zum Beispiel sind die Frauen anders gekleidet als angenommen. Im Iran herrscht für Frauen folgender Dresscode: Kopftuch und Manteau (eine Art langärmliger, bis zu den Knie reichender Trenchcoat, der die Figur nicht betonen soll). Das steht so im Gesetz, und wer das Gesetz nicht befolgt, wird bestraft (mit einer Geldbusse oder mit Schlägen (!)). Selbstverständlich tragen alle Frauen ein Kopftuch, ja. Mit Erstaunen stellen wir aber fest, dass der Interpretationsspielraum doch sehr gross ist. Viele Frauen tragen das Kopftuch als modisches Accessoire, nur den Hinterkopf bedeckend. Unter dem Manteau schauen trendige Jeans, Turnschuhe, oder teilweise sogar High Heels hervor. Und viele der wunderschönen Frauen sind stark geschminkt.

Wir sind Exoten hier, ganz klar. Mehr als in Anatolien.
Während in der Türkei die Blicke vor allem auf mich fielen, stehen wir im Iran beide im Fokus der Aufmerksamkeit. Jonas wird von jungen Iranern angesprochen, Jugendliche im Alter von 16, 17 Jahren. Sie wollen mit ihm reden, um ihr englisch zu üben. Mit mir reden sie lieber nicht. Statt sich direkt an mich zu wenden fragen sie den Mann an meiner Seite wie ich heisse, ob ich einen Job habe oder ob ich auch englisch spreche. Vielleicht sind sie zu schüchtern, vielleicht haben sie Angst Jonas könnte eifersüchtig werden. Schwierig zu sagen.

In Tabriz treffen wir uns mit Mehran und Aliye. Zum Kontakt kommt es über drei Ecken: Mehran und Aliye sind Freunde eines Freundes einer Freundin. Ganz  selbstverständlich zeigt uns Mehran die Stadt, er führt uns an Orte, die wir alleine niemals sehen würden. Mehran ist 34 Jahre alt und Fotograf. Er liebt Tabriz. Vor allem liebt er den Bazar, den er wie seine Westentasche kennt. Wir streifen mit ihm durch die verschiedenen Bereiche des riesigen Markts. Am besten gefallen mir die kleinen Läden mit den Perserteppichen. Bis jetzt habe ich mir nichts aus Teppichen gemacht. Aber als wir sehen, wie sie von Hand hergestellt werden, welcher Aufwand betrieben wird, und wie schön sie hier teilweise sind, bin ich wirklich fasziniert. An einem grossen Teppich arbeiten zwei Personen zwei Jahre lang. Die Arbeit ist hart, oft leiden die Teppichknüpfer nach einigen Jahren unter Sehbehinderungen. Die Atmosphäre im Bazar ist einzigartig. Die alten Männer, die darauf warten, dass jemand ein Teppich kauft. Man würde erwarten, dass wir gefundenes Fressen für die Teppichhändler sind. Dem ist nicht so. Die Stimmung ist friedlich, niemand versucht uns etwas zu verkaufen.

Am Abend gehen wir mit Mehran und Aliye essen. Die beiden haben sich über facebook kennengelernt. Was Päärchen in der Schweiz, die sich über das Internet kennengelernt haben, oft nur ungern zugeben, erzählt Mehran voller Stolz. Die Ironie: facebook ist im Iran verboten, die Seite ist offiziell gesperrt. Trotzdem haben die jungen Leute hier einen facebook-Account, VPN sei dank. Seit rund eineinhalb Jahren sind die beiden verheiratet, ein Zusammenleben wäre sonst nicht möglich. Sogar eine gemeinsame Nacht im Hotel ist für unverheiratete Päärchen hier ein Ding der Unmöglichkeit. Aber die Iranerinnen und Iraner sind kreativ. Mehran erklärt uns sie bräuchten keine Hotelzimmer, schließlich hätten sie Zelte. Beliebter Treffpunkt um das andere Geschlecht zu treffen ist übrigens die Strasse. Junge Frauen und Männer lernen sich oft im Auto kennen, beim Herumfahren.

Wir geniessen die zwei Tage mit den beiden sehr. Wir reden viel über den Iran, über Politik, über das System, das die Gesellschaft dermaßen unterdrückt. Mehran und Aliye leben im Privaten wie Jonas und ich, in der Öffentlichkeit leben sie so, wie es der Staat ihnen vorschreibt. Während des Ramadan ist es für die beiden untersagt, tagsüber auf der Strasse auch nur einen Schluck Wasser zu trinken. Also trinken sie zuhause. Wie die meisten Iraner machen die beiden keinen Ramadan. Mehran trinkt gerne mal ein Bier, Aliye ein Glas Wein. Alkohol ist im Iran verboten. Aber auch für diese Begehren finden die Einheimischen Mittel und Wege. Umgekehrt erkennen wir im Gespräch, dass gewisse unserer Regeln von aussen her komisch anmuten, zum Beispiel die Kirchensteuer.

Nach dem Essen ziehen wir los, um einen Tee zu trinken und eine Nargile (Wasserpfeife) zu rauchen. Das Teehaus, in welchem vor allem ältere Männer friedlich an ihrer Nargile ziehen, liegt versteckt im Bazar. Da am nächsten Tag ein Feiertag ist, ist es gut besucht. Als wir um Mitternacht nach Hause wollen, versinken die Strassen im Verkehr. Die gläubigen Muslime besuchen anlässlich des Feiertags, an welchem der Tod eines Imams gedenkt wird, die Moschee oder ihre Verwandten. Es gibt sie also doch, die Menschen den Glauben praktizieren. Aliye schätzt den Anteil in Tabriz auf rund 20%. Aus dem Radio des Taxi weint ein Gläubiger, er weint um den Imam. Aliye muss Lachen. Es ist wirklich etwas sonderbar, das Geweine ist ganz offensichtlich gespielt.

Wir sind erst drei Tage im Iran, und wurden schon einige Male überrascht. Was schon nach der kurzen Zeit offensichtlich ist: Die allermeisten Menschen hassen ihr Regime. Junge Leute erzählen uns, dass ihr Ziel das Ausland ist. Sie träumen von Europa, den USA. Die Leute hier wollen die Religion, die ihnen vom Staat aufgezwungen wird, nicht. Sie wollen Freiheit. Das Schlimmste daran ist: Sie haben wenig Hoffnung, dass sich ihre Lage in der nächsten Zeit verbessern wird. So führen sie ihr Doppelleben, eines zuhause, eines auf der Strasse. Denn die Sittenwächter des Staates lauern überall.

Bei einigen Regeln und Gegebenheiten blutet mein feministisches Herz natürlich. Zum Beispiel sitzen im Bus die Männer vorne, die Frauen hinten. Getrennt durch eine Absperrung. Oder die Geschichte, dass sich Aliye für die Arbeit anders anzieht an als in der Freizeit. Schwarz. Um nicht von ihren männlichen Arbeitskollegen belästigt zu werden. Auch ich muss die geltende Kleiderordnung respektieren, und muss zugeben, es macht keinen Spass, sich wie ein Kartoffelsack zu fühlen. Das Kopftuch ist hierbei das kleinere Übel. Die Kleidervorschriften, welche ich auch als Touristin am eigenen Leibe spüre, sind ja nur der Gipfel des Eisbergs des Systems, in welchem Frauen und Männer ganz offensichtlich unterschiedlich behandelt werden.

Und kulinarisch?
Auch der Ramadan wird hier den Leuten aufgezwungen. Das heisst, dass sämtliche Restaurants tagsüber geschlossen sind. Da die Sonne erst um 9 Uhr untergeht, servieren die Restaurants erst ab dann Essen. Somit besteht unser Mittagesse
Angeboten aus dem Markt oder dem Supermarkt. Wir fiebern dann dem Sonnenuntergang entgegen, bis wir ins Restaurant können. Unser Restaurant-Essen besteht bis jetzt vor allem aus Kebab. Das traditionelle iranische Essen kochen die
Leute vorwiegend zuhause, in den Restaurants gibt es vor allem Kebabs. Mit Mehran und Aliye kamen wir aber in den Genuss von Kufte, eine Art Riesenfrikadelle, die aus Getreide, Fleisch und verschiedenen Gewürzen besteht.














Dienstag, 30. Juli 2013

Eindrücke aus vier Wochen Türkei


Dies ist ein Versuch ein Fazit zu ziehen. Ein Fazit meiner persönlichen Eindrücke und
Wahrnehmungen, die ich im Laufe unserer vierwöchigen Türkeireise gewonnen habe. 

Die Türkei ist ein wahnsinnig vielseitiges Land, sowohl landschaftlich als auch kulturell. Das Leben in den einzelnen Regionen ist stark durch die jeweilige Geschichte geprägt. Die Vision des Staatsgründers Atatürk eines einheitlichen türkischen Volkes ist auch 90 Jahre nach der Staatsgründung keineswegs Realität. Schon nur das Verständnis zum Staat ist im Westen ein anderes als im Osten. In Istanbul und an der Küste hängt auf jedem zweiten Balkon eine türkische Flagge. Nein, nicht nur auf vielen Balkons, auch an den Mauern zahlreicher Tankstellen, Einkaufszentren oder Restaurants. Der türkische Nationalismus ist hier allgegenwärtig. In Anatolien ist dies anders. Wir sehen kaum Nationalflaggen, schon gar nicht auf privatem Eigentum. Die Kurden sind zuerst Kurden, und dann Türken. Die Politik der Unterdrückung der Kurden hat ihre Spuren
hinterlassen.

Wenn wir schon beim Stichwort Politik sind, muss an dieser Stelle auch der Islam genannt werden. Es besteht nach wie vor eine grosse Gemeinschaft gläubiger Muslime in der Türkei. Der Spagat zwischen einem modernen Nationalstaat und Islam ist schwierig zu vollziehen. Ob durch Atatürks Politik des Laizismus oder aktuell durch Erdogans islamisierte Politik, es scheint als ob einzelne Bevölkerungsgruppen in der Türkei immer das Nachsehen haben. Entweder die Einen oder die Anderen. Auf dem Taksim-Platz in Istanbul ist es inzwischen wieder ruhig, die Proteste sind
abgeflacht. Aber wie wir hören brodelt es im Kreise der jungen Intellektuellen in Istanbul. Es sitzen noch immer unrechtmäßig festgenommene im Gefängnis. Aber der nächste Protest soll durchdacht und organisiert sein. Die urbanen Menschen in Istanbul, Ankara und Izmir haben gespürt, dass der Protest auf fruchtbaren Boden stösst - in den grossen Städten. Ich kann die Leute sehr sehr gut verstehen. Ich hoffe aber, dass ein allfälliger Systemwechsel für alle Bevölkerungsgruppen verträglich sein wird, auch für die gläubigen Muslime in Anatolien, denn der Islam ist Teil ihrer
Kultur, den sie weder leugnen können noch wollen. Wir diskutieren, wie eine Türkei aussehen könnte, in der Lifestyle aller Bevölkerungsgruppen respektiert wird. Vielleicht wäre Föderalismus eine Option. Dann müsste die Zentralregierung allerdings einen Teil der Macht abgeben. Ob das realisierbar wäre…?

Die Türkei ist ein Land im Wachstum. Überall wird gebaut. In sämtlichen Vororten der grösseren Städte schiessen die Wohnungen wie Pilze aus dem Boden. Nicht nur in Istanbul oder Izmir, auch in Urfa oder Diyarbakir. Beim Vorbeifahren fragen wir uns, wer alles in diese Wohnungen einziehen soll. Ein Einheimischer klärt uns auf: Ein türkischer Mann der Mittelklasse ist  gesellschaftlich dann
respektiert wenn er heiratet, eine Wohnung kauft und Familie gründet (in dieser Reihenfolge). Da die Bevölkerung in der Türkei extrem jung ist, werden in Zukunft viele Päärchen heiraten und eine Wohnung kaufen. Bünzlitum à la Türkei.

Trotz zunehmender Individualisierung ist noch immer die Familie die Sozialversicherung. Wer durch die grossen sozialen Maschen fällt und keine Familie hat, hat es schwer. Da ist zum Beispiel die Geschichte von Osman. Osman hat während 10 Jahren in Deutschland gelebt: Germanistik studiert und gearbeitet. 1989 ist er zurück in die Türkei gekommen, musste ins Militär. Gegenüber dem Militär hat er Widerstand geleistet, zuviel Widerstand. Er landete im Gefängnis. Für 53 Monate. In dieser Zeit lief seine Aufenthaltsbewilligung in Deutschland ab. Also hat er sich in Istanbul einen Job
gesucht. Das ging gut, bis er vor 2 Jahren einen schweren Unfall hatte. 1,5 Jahre war er bettlägerig, seit einem halben Jahr kann er wieder gehen. Aber er humpelt, quält sich. Sein Brot verdient er mit Nachhilfeunterricht für Erasmus-Studenten. An “richtige” Arbeit ist nicht zu denken. Er bewohnt eine Einzimmerbude in Istanbul. Sie kostet monatlich 30 Euro. Osman ist zwei Monaten mit der Miete im Rückstand, er weiss nicht wie er die nächsten Monate bezahlen soll. Er hat eine 80-jährige Mutter, die ihm nicht helfen kann. Sonst hat er niemanden. Seine herzzerreißende Geschichte erzählt uns Osman ohne Mitleid erregen zu wollen, kann sogar Positives in seinem Schicksal sehen. Aber ich bin erstaunt, als er sagt er sei 56 Jahre alt. Ich hätte ihn auf 70 geschätzt. Offensichtlich hat sein Schicksal seine Spuren hinterlassen. Einen Sozialstaat wie wir ihn kennen gibt es in der Türkei nicht. Dies ist wohl einer der Gründe, weshalb Familie so so wichtig ist. 

Eine Konstante in der Türkei sind die liebenswerten Menschen. Wir gelangen oft in unverfängliche
Gespräche, die Leute freuen sich über unseren Besuch. Wir werden eingeladen, mitgenommen, uns werden Kleinigkeiten geschenkt. Wir könnten es jedoch noch mehr geniessen, könnten wir richtig türkisch. Gerade in Anatolien sprechen die Menschen kaum englisch. Dort sind es auch ausschließlich Männer, die uns in Gespräche verwickeln. Von Frauen werden wir nicht angesprochen. Ich persönlich finde es sehr schade, dass wir im Osten kaum mit Frauen Kontakt haben. Die Meinung einer kopftuchtragenden Frau würde mich sehr interessieren. Wie schaffen sich diese Frauen ihre Freiräume? Welche Träume haben sie? Das öffentliche Leben in der Osttürkei ist männerdominiert. Abends sehen wir kaum Frauen auf der Strasse oder in einem Teelokal.

 Und das Reisen während des Ramadan? Es ist kein Problem, auch in den muslimisch-geprägten Gebieten. Zwar haben viele Restaurants tagsüber geschlossen. Die Stimmung am Abend, kurz vor Ende des Ramadans, ist dafür umso schöner. Die Menschen sind gut gelaunt, freuen sich aufs Essen. Während rund einer halben Stunde sind dann die Strassen leergefegt. Die Menschen essen in den Restaurants oder zuhause. Aber es geht alles ganz schnell. Die Türken sitzen nach dem Essen nicht noch stundenlang im Restaurant. Sie gehen in die nächste Teestube und trinken ihren Tee.

Alles in allem war die Reise durch die Türkei wunderschön. Geprägt von Eindrücken sämtlicher Sinne. Wir reisten durch ein Land mit einer bewegten und spannenden Geschichte, die noch nicht zu Ende ist. Die Türkei ist im Wandel, das spürten wir in all den Gesprächen die wir führen durften. Abschliessend kann ich sagen dass mich die Türkei fasziniert und dass sie mir mit ihren Menschen ans Herz gewachsen ist.

Inzwischen sind wir im Iran. Die Blogseite ist hier gesperrt, wie auch facebook und andere social media Seiten. Aber wie ihr seht finden auch wir Wege - genau wie die Iraner - die Blockade zu umgehen :-)

Samstag, 27. Juli 2013

Beeindruckende Berge und miserables Hamam

Wir sind in Doğubayazıt - unserer letzte Station in der Türkei. Die dreistündige Busfahrt führt durch die Berge, die im Winter manchmal wegen Schnee nur schwer passierbar sind. Zeitweise tuckern wir durch eine surreale Lava-Wüste. Als wir in Doğubayazıt aus dem Bus steigen weht uns das erste Mal seit vier Wochen eine angenehm kühle Luft entgegen. Wir sind hier auf 2000 Meter, was die Temperatur auf 25-30 Grad sinken lässt. Enttäuscht stellen wir fest, dass sich der nahe gelegene Berg Ararat in den Wolken versteckt.

Doğubayazıt ist vom Tourismus geprägt: Einerseits passieren Reisende hier die Grenze in den Iran. Andererseits ist der Ort auch Ausgangspunkt für eine Tour auf den Ararat. Um diesen zu besteigen braucht man eine Genehmigung aus Ankara. Dies scheint den Berg jedoch nicht vor den Massen zu schützen. Wie wir hören sind die Übernachtungslager in den Camps zugemüllt und verschissen, wohl ähnlich wie auf dem Mount Everest. Trotzdem hat das Städtchen seinen türkischen, respektive kurdischen Charakter nicht verloren.

Den Ararat zu besteigen ist uns zu mühsam (wieso stapfen Leute freiwillig im Sommer im Schnee herum?), wir fahren zur anderen Sehenswürdigkeit des Städtchens, dem Ishak-Pascha-Palast. Ein lokaler Fürst hat Ende des 18. Jahrhunderts dieses märchenhafte Schloss mit den 366 (!) Zimmern gebaut. Da der Palast schön in den Bergen gelegen ist erkunden wir dabei gleich die Region rundherum und geniessen die Aussicht über die Weite. Wenn die Berge in der Schweiz so wären wie hier, dann könnte ich mir vielleicht auch vorstellen in den Bergen zu leben. Die Landschaft ist trotz den Erhebungen offen und weit - weniger eng als in der Schweiz.

Auf dem Rückweg zeigt er sich uns wunderschön, der Ararat. Frei steht er da, mit seinen 5165 Metern und der schneebedeckten Spitze. Hier soll also nach der Sintflut die Arche Noah gestrandet sein.

Nach der kleinen Wanderung sind wir der Meinung, wir bräuchten etwas Entspannung. Zwei Holländerinnen schwärmen von einem Hamam. Wir machen uns auf den Weg dorthin. Frauen und Männer sind im Hamam getrennt. Jonas geht ins Erkek-Hamam, ich stehe gleich nebenan vor dem Bayan-Hamam vor verschlossenen Türen. Der Hamam-Typ öffnet die Tür und winkt auch Jonas  herüber. Ich denke, aha, wir haben also ein Hamam für uns und können zu zweit hineingehen. Schön wärs, gleich darauf kommt eine Gruppe von fünf russischen Touristen, die wollen auch ins Hamam. Der Hamami ist jetzt etwas überfordert und pfercht uns und die Russen zuerst mal in eine kleine Sauna (Sauna? Ich dachte die käme aus Finnland, nicht aus der Türkei. Naja, egal, Hauptsache Entspannung). Zuerst wird Jonas gerufen: Peeling, Waschen, Massage (wenn man das so nennen kann). Dann bin ich an der Reihe. Bei mit gibt’s das Peeling und die Massage gleich in einem. Der Hamami ist ein Grobian. Nervös drückt er seine Fingerspitzen in meinen Rücken, fährt zackig auf und ab. Von Entspannung keine Spur. Zum Glück dauert der Spuck nur etwa 5 Minuten. Dann erhalten wir eine Seife und werden ins Hamam geschickt um uns zu waschen. Die Russen sind dran.

Beim Zahlen staunen wir nicht schlecht. Umgerechnet 17 Franken pro Person sollen wir für die Folter bezahlen. Ich beklage, das sei viel zu teuer. Der Hamami kennt keine Gnade und knöpft uns das Geld ab. Zurück im Hotel gehen wir erst mal duschen.

Am Abend reden wir lange mit unserem Hotelbesitzer über den Iran. Er gibt uns einige Tipps, rät uns vor allem auch den Westen, den kurdischen Teil des Irans zu besuchen. Morgen früh werden wir die Grenze passieren und nach Tabriz fahren. Der Rest ist offen… 



Ishak-Pascha-Palast





 
Rumgekraxel auf den Bergen

 


Eine Art Murmeltier, einfach weniger fett als bei uns
 



Berg Ararat 


Freitag, 26. Juli 2013

Entspannte Tage in Van

Unsere Weiterreise nach Van beginnt mit dem Nachtbus. Der erste Nachtbus auf der Reise. Ich bin müde, und jene die mich gut kennen wissen, dass ich in nullkommanix einschlafen kann. Jonas hat trotz Reise-Nackenkissen mehr Mühe. Die Beobachtung, wie halsbrecherisch der Buschauffeur über die kurvige Landstrasse fährt hilft auch nicht beim Einschlafen.

Eine Stunde früher als geplant erreichen wir um 6 Uhr in der Früh Tatvan. Von da wollen wir die Fähre über den Vansee bis nach Van nehmen. Am Hafen ist noch nichts los. Gemäss Lonelyplanet verkehrt die Fähre zweimal täglich. Wann genau steht nicht drin. Wir warten. Nach circa einer Stunde erklärt uns ein Einheimischer, dass die Fähre erst um 20 Uhr fährt. Somit wären wir erst um Mitternacht in Van. Wir ändern den Plan kurzfristig und nehmen den Bus, der hat nur 2 Stunden. Ich bin enttäuscht. Seit ich das erste Mal vom riesigen Vansee gehört habe, habe ich davon geträumt, diesen per Schiff zu überqueren. Ich habe mir das so abenteuerlich vorgestellt. Aber abends bei Dunkelheit macht es keinen Sinn.

Van war im Laufe seiner 3000-jährigen Geschichte immer wieder Zankapfel verschiedener Völker. Während dem ersten Weltkrieg stritten sich die Osmanen und die Russen, welche die in der Region ansässigen Armenier unterstützten, um den Ort. Im Rahmen der Gefechte wurde die Stadt damals praktisch vollständig zerstört und 4 km östlich der alten Stadt neu aufgebaut.

2011 erschütterte ein heftiges Erdbeben die Region. Rund 2300 Gebäude stürzten ein, mehrere hundert Menschen mussten ihr Leben lassen. Die Stadt ist auch Transitzone für tausende Asylsuchende auf ihrer Flucht in ein sicheres Land. Die Flüchtlinge stammen vor allem aus Afghanistan, dem Irak und dem Iran. Jungen im Alter von 10 Jahren putzen Schuhe, die jüngeren sitzen mit einer Waage am Strassenrand, wer will kann sich wägen lassen.  Ein verzweifelter Trick der Jungen besteht darin, vor eine zerscherbelte Waage zu sitzen, den Kopf hängen lassen und somit Mitleid zu erregen. Es ist traurig zu sehen, wie diese Kinder ihrer Kindheit beraubt werden.

Da die letzte Woche sehr intensiv war schalten wir hier einen Gang zurück. Wir beziehen ein schönes 4-sterne Hotel. Beim Erdbeben sind auch viele Hotels eingestürzt, das Angebot an Unterkünften ist entsprechend begrenzt. Wir zahlen den “Backpacker-Preis”, der völlig in Ordnung ist. Unser Programm besteht aus Vorbereitung der Iranreise und Faulenzen. Zwei Ausflüge in drei Tagen liegen aber drin.

Die Enttäuschung, nicht die Fähre genommen zu haben, sitzt noch immer. Als Entschädigung fahren wir mit dem Boot zur Insel Ahtamar, die das Wahrzeichen des Van-Sees beherbergt, eine über 1000 Jahre alte armenische Heiligkreuzkirche. Die Fahrt ist nur drei Kilometer, nichts, wenn man bedenkt dass der Vansee 120 km lang und 80 km breit - oder siebenmal so gross wie der Bodensee - ist. Naja, dafür konnten wir auf der Insel baden. Fotos von der Insel gibt es keine, ich Hanswurst habe die Bilder versehentlich gelöscht.

Der zweite Ausflug führt uns zum Van Kalesi, der Zitadelle im ursprünglichen Teil der Stadt. Die Burgreste stammen aus verschiedenen Epochen, von den Urartäern bis zu den Osmanen. Der Ort beherbergt auch eine Wasserquelle, zahlreiche Einheimische fahren mit Kanistern an um Wasser zu holen. Ein Türke lädt uns zum Abendessen ein. Da wir auch wegen dem Sonnenuntergang, der von der Burg aus mit Blick auf den See besonders schön sein soll, hier sind, lehnen wir ab. Während des Ramadan essen die Leute, sobald der letzte Sonnenstrahl weg ist. Da wären wir zu spät. Pünktlich zum Sonnenuntergang erscheinen jedoch ein paar Wolken auf der Bildfläche. Mist, wir hätten essen gehen sollen. Den Rückweg müssen wir zu Fuss in Angriff nehmen. Alle sind am essen, da läuft gerade nichts. Nach einer halben Stunde kommt das erste Auto, ein junger Türke nimmt uns mit.    

Und kulinarisch?
Seit Anfang unserer Reise begleiten uns immer wieder Köfte. Köfte sind gut gewürzte Hackfleischbällchen (Lamm, Rind oder gemixt), die gebraten, gebacken oder gegrillt daherkommen. In Van kommen wir in den Genuss besonders guter Köfte. In Südostanatolien sind die Çiğ Köfte ebenfalls weit verbreitet. Diese werden aus rohem Fleisch, Bulgur und zahlreichen Gewürzen hergestellt. Çiğ Köfte werden zum Apéro als Meze oder als Begleitung des Hauptgangs gereicht.
Eine Neuententeckung ist İrmik Helvası: Eine Süssspeise aus Maissgriess, Zucker, Milch, Zimt und Zitrone (Rezept gemäß Kellner). Ich hätte rein vom Geschmack her auf Mandeln getippt, und die Wette gegen Jonas verloren. Naja, egal was drin ist, schmecken tut es super. 



Insel Ahtamar mit der armänischen Kirche




Van Kalesi




Verpatzter Sonnenuntergang



Gegrillte Köfte


 
Çiğ Köfte
 



İrmik Helvası


Donnerstag, 25. Juli 2013

Ein Mord, eine Hochzeit und Essen bis zum umfallen

Die Fahrt nach Tunceli beginnt mit einem Mord - an zwei Spatzen. Die Vögel sitzen gemütlich auf der Strasse, ich denke, die gehen dann schon weg wenn ich komme. Päng! Mit 100 km/Stunde erwische ich zwei (Jonas behauptet es wären drei). Unser Auto wird zur Attraktion. Leute überholen uns, um die Vögel, die noch immer vorne am Auto kleben, besser sehen zu können. Wir haben die Hoffnung, die toten Spatzen fallen von selbst irgendwann ab. Das passiert nicht, also entfernt Jonas sie auf meinen Wunsch.

Auf dem Weg bringen wir Danielle und Jolan nach Diarbakir, unsere Wege trennen sich wieder. Verzweifelt suchen wir in der Stadt den Busbahnhof. Die Stadt ist eine riesige Baustelle. Es herrscht Verkehrschaos, nichts ist ausgeschildert. Bis jetzt habe ich es vermieden in grösseren Städten am Steuer zu sitzen, ich liess das - ganz nach türkischem Vorbild - Jonas machen. Wir werden das auch in Zukunft wieder so machen, ich besitze deutlich zu wenig Gelassenheit für den Verkehrsdschungel türkischer Städte.

Tunceli ist eine unzugängliche Region mit tiefen Schluchten und Bergketten bis zu 3600 Metern Höhe. Gleichzeitig ist Tunceli - oder Dersim, wie die Region vor der Umbenamsung durch Atatürk hieß - der  freieste Ort Ostanatoliens. Die Bevölkerung Tuncelis besteht zu 98% aus kurdischen Aleviten. Obwohl der Stadt in den Neunzigerjahren eine Moschee aufgezwungen wurde und der Islamunterricht seit über zwei Jahrzehnten Pflichtfach in den Schulen ist, trägt nach wie vor keine alevitische Frau ein Kopftuch. Der Alevismus zeichnet sich durch eine liberale und humanistische Auslegung der Religion aus. Nichtsdestotrotz - oder gerade deswegen - haben sich auch in Tuncelis Geschichte dunkle Kapitel abgespielt. 1938 brachte die türkische Armee in Dersim bis zu 70’000 Aleviten um. Im Rahmen der Staatsgründung der Türkei in den 1920er Jahren waren die Aleviten eine der tragenden Kräfte, da sie sich durch Einführung des Laizismus eine Gleichberechtigung gegenüber den Sunniten erhofften. Atatürk war jedoch die Struktur der Stämme ein Dorn im Auge - es stand im Widerspruch zu seinen Republikanismus und seinem Modernisierungsstreben. Zudem stieß er sich auch an der ethnischen Herkunft der Religion der Aleviten - das stand im Widerspruch zu seiner Vorstellung von einem homogenen türkischen Nationalstaat. Ethnisch-religiösen Minderheiten haftete der Geruch des Separatismus an. Als das Gerücht auftauchte, einige Stämme würden einen Aufstand vorbereiten, fasste die türkische Regierung 1937 den Beschluss zur Durchführung der Operation "Züchtigung und Deportation". Grosse Teile der Bevölkerung der Provinz wurde erschossen, erstochen, verbrannt und deportiert. Umstritten ob die Ereignisse von 1938 einem Genozid entsprechen oder nicht - sind sie zweifelsohne eines der dunkelsten Kapitel der Türkei seit deren Staatsgründung.

Bis heute werden die Aleviten, die zwischen 10% und 25% der Bevölkerung der Türkei ausmachen, vom Staat nicht als eigenständige und gleichberechtigte Bevölkerungsgruppe anerkannt. Seit der Reislamisierung der Türkei ab den 1970er Jahren wurden viele Aleviten und alevitische Gemeinden assimiliert.

Zudem ist zu erwähnen, dass sich in den 1980er Jahren der türkisch-kurdische Konflikt durch den bewaffneten Aufstand der PKK radikalisierte. Das türkische Militär begann einige Gebiete in der Südosttürkei zu evakuieren. 1986 wurden ca. 50’000 Bewohner der Provinz Tunceli deportiert  an die Mittelmeerküste verbracht. Heute noch sind die Berge rund um Tunceli Rückzugsgebiet der PKK-Aktivisten. Obwohl es seit einigen Monaten ruhig ist und kein Anschlag mehr stattgefunden hat, sehen wir nirgends so viel Militär wie in Dersim. Aufgrund der diversen historischen Ereignisse lebt eine bedeutende Diaspora der Dersim-Bevölkerung heute im Ausland, vor allem in Deutschland.

In Tunceli besuchen wir Gülüstan, die Tante mütterlicherseits meiner Freundin aus der Schweiz. Natürlich könnten wir auch hier bei Gülüstan und ihrem Mann Hidir übernachten. Trotzdem entscheiden wir uns für ein Hotel. So sind wir ein bisschen freier. Da die beiden 35 Jahre in Frankfurt gelebt haben unterhalten wir uns auf deutsch. Beide haben am Flughafen gearbeitet, die Schichten so gelegt, dass sich immer jemand um die beiden Kinder kümmern konnte.  Die Kinder und Enkel leben in Deutschland, und Gülüstan vermisst sie oft. Aber hier in Tunceli ist das Klima angenehmer und mit der deutschen Rente führen die beiden in der Türkei ein gutes Leben. Als wir uns am ersten Abend nach Essen und dem obligaten Tee verabschieden ist es uns noch zu früh um schlafen zu gehen. Wir nutzen die Gelegenheit in Tunceli wieder mal Alkohol zu bekommen (was in den traditionellen Orten der letzten Tage wegen des Ramadan schwierig gewesen wären) und gehen noch einen Raki trinken.

Am nächsten Tag machen wir mit Gülüstan und einer ihrer Freundinnen einen Ausflug an den Fluss und gehen schwimmen. Am Abend nehmen uns Gülüstan und Hidir an eine türkische Hochzeit mit. Böse Zungen behaupten die Hochzeiten in Tunceli seien Fliessbandhochzeiten. Da zu türkischen Hochzeiten zwischen 500 und 1000 “Gäste” kommen, sind die Durchführungsorte begrenzt. Also findet im Sommer jeden Abend irgendeine Hochzeit statt. Die Snacks werden (Flugzeugessen-ähnlich) abgepackt serviert, Alkohol gibt es keinen. Die Gäste kommen und gehen wie es ihnen passt, Hauptsache der Betrag des geschenkten Gelds oder Golds stimmt. Braut und Bräutigam haben ihre Wurzeln in Tunceli, wohnen aber heute in Holland. So sind wir nicht die einzigen Ausländer und fallen nicht auf.

An der Hochzeit treffen wir Freunde von Gülüstan und Hidir, die uns im Anschluss zum Essen einladen möchten. Wir haben noch nicht zu Abend gegessen, und an der Hochzeit werden nur Snacks serviert. Als wir um 10 Uhr aufbrechen haben wir trotzdem nicht mehr wirklich Hunger. In der Annahme wir essen alle zusammen, und aus Höflichkeit, willigen wir ein etwas kleines zu essen. Wir betonen, dass wir nur wenig Hunger haben und wirklich nur etwas Kleines möchten. Es wird bestellt - und als der Kellner das Essen serviert (das alles andere als klein ist) wird uns klar, dass unsere Freunde nur für uns essen bestellt haben. Für sie selber sei es zu spät zum essen. Anatolische Gastfreundschaft. Der kleine Appetit, den ich bis zu diesem Zeitpunkt noch verspürte, löst sich augenblicklich in Luft auf. Jonas und ich geben uns aber tapfer, essen soviel wir können. Das Essen plagt mich die ganze Nacht, die Bauchkrämpfe werde ich nur durch eine Tablette wieder los.

Von Tunceli fahren wir wieder nach Malatya, wo wir das Auto zurückgeben. Bevor unser Nachtbus fährt treffen wir uns noch mal mit Fidan und Mehmet zum Abendessen. Vor dem Essen fragt uns Fidan ganz unauffällig, was wir normalerweise in der Schweiz so essen. Wir sagen wir essen viel Pasta. Als wir bei Ihnen zuhause zu Tisch gebeten werden, stehen neben Lahmacun und anderem türkischen Essen auch Spaghetti mit Tomatensauce auf dem Tisch. Mehmet hat unterwegs Spaghetti organisiert. Anatolische Gastfreundschaft.



Die Schluchten Dersims



Unterwegs mit Gülüstan und ihrer Freundin



Familientreffen am Fluss


Dienstag, 23. Juli 2013

Zwei historische Städte: die eine wird aufgerüstet, die andere versenkt

Mit Danielle und Jolan fahren wir nach Mardin. Mardin liegt nur unweit von der syrischen und der irakischen Grenze und wurde im Laufe der Geschichte von den unterschiedlichsten Völkern beherrscht. Im 5. Jahrhundert ließen sich hier assyrische Christen nieder, darauf folgten die Araber, Seldschucken, Kurden, Mongolen und Perser, bis 1517 die Osmanen die Stadt übernahmen. Heute leben nur noch wenige Christen in Mardin, die meisten wurden Anfang des 20. Jahrhunderts vertrieben und umgebracht, oder emigrierten in den letzten Jahrzehnten.
Mardin verfügt über zahlreiche Moscheen, Medresen (frühere Schulen für Islamwissenschaften) und Kirchen. Wir schlendern durch die Gassen und begutachten die einzelnen Gebäude eher weniger gezielt. Oben im Städtchen angekommen liegt uns Mesopotamien zu Füssen. Der Blick in die unendlich weite Landschaft ist atemberaubend, auch wenn aufgrund der Hitze und des Staubs keine klare Sicht herrscht. Hier sind wir nun, an einem der geschichtsträchtigsten Orte der Türkei, und ich bedaure dass sich mein historisches Wissen auf die Ausführungen im Reiseführer begrenzt. Gerne würden wir noch die alte Burganlage auf dem Hügel besuchen. Diese wird jedoch noch immer von der Armee besetzt, eine Machtdemonstration gegenüber der kurdischen Bevölkerung. Pläne zur Freigabe der Anlage bestehen, jedoch wird diese mit dem Krieg im nahe gelegenen Syrien nicht so bald realisiert werden.

Die türkische Regierung möchte den Massentourismus in Mardin fördern. Bis zu jährlich 5 Millionen türkische und ausländische Touristen sollen das Städtchen in Zukunft besuchen. Dieses Vorhaben spüren wir an allen Ecken: einige Hotelbetonblöcke stehen bereits und verunstalten das Stadtbild. Und an jeder Ecke wird an den Strassen und Häusern gewerkelt. Das Abendessen, das Jonas in den kommenden Tagen verdauungsmässig zum Verhängnis wird,  geniessen wir dann mit Danielle und Jolan auf einer der zahlreichen Dachterrassen der Stadt.

Mardin ist zwar schön und hat mit den engen Gassen und den Kalksteinhäusern durchaus Charme. Trotzdem sind wir froh, als wir am nächsten Morgen wieder weiterfahren. Es gibt nur wenig günstige Unterkünfte in Mardin, in einer davon nächtigen wir. Dass Missverhältnis zwischen Angebot und Nachfrage spüren wir dabei: Die Zimmer haben keine eigenen Toiletten, die “gemeinsame” Toilette ist nicht geputzt und die Zimmer sind muffelig. Der Pensionsbetreiber ist ein - nett ausgedrückt - spezieller Typ- mit einem etwas gestörten Verhältnis zu seinen Kanarienvögel. Der grösste seiner Vögel sitzt bei ihm wahrscheinlich im Kopf.

Da auch Danelle und Jolan Hasankeyf auf dem Plan haben, teilen wir das Auto nochmals. Wie in Mardin wechselten auch in Hasankeyf die Machthaber im Laufe der reichen Geschichte oft. Ein dunkles Kapitel der Geschichte ereignete sich hier während des Genozids an den Armeniern, als Hasankeyf ein wichtiger Vernichtungsort war.

Das Dorf ist wunderschön in die Landschaft zwischen Felsen und Tigris eingebettet. Menschen lebten hier in Höhlen, die wir von weitem bestaunen können. Wir sind glücklich, Hasankeyf noch besuchen zu können, denn die türkische Regierung plant im Zuge des Südostanatolien-Projekts, das die Schaffung vieler Staudämme (wie auch des Ilısu-Staudamms) zum Ziel hat, Hasankeyf unter Wasser zu setzen. Dagegen regt sich bis heute nationaler, meist kurdischer, und internationaler Protest. Ungeachtet dessen hat die Türkei Anfang August 2006 mit dem Bau des Staudamms begonnen. Voraussichtlich 2016 wird das Dorf unter dem Stausee verschwinden. Auch Schweizer Unternehmen wollten sich ursprünglich am Geschäft beteiligen und trotz Proteste von Menschenrechtsorganisationen mitverdienen. Der Bundesrat gewährte 2006 Exportrisikogarantien für die involvierten Unternehmen, die er wieder stoppte. Das Projekt wird trotzdem realisiert. Die türkische Regierung ist nun daran, den Landbesitzern das Land abzukaufen und die Leute umzusiedeln. Neue Dörfer sind im Bau. Wir spüren eine Art Untergangsstimmung im Dorf - in die Infrastruktur wird nicht mehr investiert. Der Gedanke daran, dass dieser spezielle Ort in ein paar Jahren überflutet sein wird, deprimiert mich.
Die Menschen hier wollen den Damm nicht. Von Häusern mit grossen Gärten müssen sie umziehen in kleine Wohnungen. Ich frage mich wovon die Bewohner leben werden, wenn keine Touristen mehr kommen.

In der Unterkunft treffen wir auf Mustafa. Mustafa ist 29 Jahre alt, ursprünglich aus Tunceli und arbeitet momentan für ein Forschungsprojekt der Universität Zürich, in dem er untersucht, inwiefern  sich die Kultur der Menschen in Hasankeyf durch den Wechsel der Siedlungsformen vom Leben in den Höhlen zum Leben im aktuellen Dorf, und vom Leben jetzt zum Leben in den neu gebauten Wohnungen für die Umgesiedelten verändert. Wir reden sehr lange mit Mustafa, über Hasankeyef, über das GAP-Projekt. Mustafa meint, dass es für die hier ansässigen Kurden schwierig ist, sich stark gegen das Projekt zu wehren. Die Menschen hier sind prinzipiell regierungsfreundlich, die Situation der Kurden hat sich unter Erdogan verbessert. Die ganze Region ist religiös geprägt und befürwortet in diesem Sinne den Kurs der Regierung. Zudem hat die ökonomische Förderung Südostanatoliens den Menschen bessere Infrastruktur gebracht. Nun bekommen die AKP-Anhänger der Region die Politik der Wirtschaftsförderung am eigenen Leibe zu spüren, was diese gemäß Mustafa zwar ärgert, aber nicht genug als dass sich in diesen Kreisen ein grosser Widerstand formieren würde. Mustafa ist Anthropologe und hat einen differenzierten Blick auf die Dinge. Es ist spannend mit ihm zu diskutieren. Obwohl seine Arbeit hier aufregend ist gesteht er ein, dass er  uns ein wenig beneidet um die Möglichkeit zu zweit eine grössere Reise machen zu können. Seine Freundin ist aus Deutschland, seit einem Jahr auf Jobsuche, was die Distanzbeziehung nicht einfacher macht. Umso mehr freut er sich, als er uns bei der Reise behilflich sein kann. Unser nächster Stopp ist Tunceli, seine Heimatstadt. Ruckzuck kontaktiert er seinen Cousin in der Stadt, der für uns ein Hotel reserviert und einen guten Preis aushandelt.

Und kulinarisch?
In Hasankeyf essen wir grillierten Fisch aus dem Tigris, ich würde sagen der beste Fisch bis jetzt. Und da Jonas noch von Bauchkrämpfen geplagt wird, darf ich alle grünen Paprikas, die ich so mag, aufessen.  





Mardin: Die Burg die wir wegen Besetzung der Armee nicht besuchen können





Blick über Mesopotamien





Die engen Gassen von Mardin



Hasankeyf






Künftiges Dorf für umgesiedelte Bewohner



Füsse baden im Tigris